Need a hug?

Da stand sie, mitten im Old Main Building. “Need a hug?”, fragte sie mich, als ich nichts ahnend den Gang raufkam. Ich bin ueblicherweise zuerst etwas zurueckhaltend bei Spontanumarmungen von Unbekannten. Sie hatte wohl mein Zoegern gespuert. “It’s free!”, doppelte sie nach. Ich gab mir einen Ruck, und dann taten wir’s. Sie herzte mich, als ob es kein Morgen gaeb. Nahm mich in ihre Arme wie ein Adler seine Schwingen um sein Nest . Sie drueckte mich so an ihre Wange, dass ich ihren Atem spueren konnte. Mir hingegen blieb er fuer einen Moment weg. Als sie sich loeste, fuehlte ich mich wie ein Baby, gehaetschelt von seiner Mutter. Ich konnte nichts dagegen tun, atmete tief durch, mein Puls ging schneller, die Endorphine rasten und ich musste einfach grinsen. Ich vergass die Zeit. Da hoerte ich ihre Stimme. “Need a hug?” Sie meinte nicht mich. Hinter mir hatte sich eine Traube mit Menschen gebildet. Jede und Jeder hatte das Recht auf einen Free Hug. Ich weiss nicht, wie viele davon sie an diesem Tag noch verteilt hatte, aber es muessen einige gewesen sein, siehe die Striche. Das Ganze nennt sich Free Hugs Campaign, und was alles beim Hugging passieren kann seht ihr hier: http://www.youtube.com/watch?v=9BE1YqDYlLo&NR=1

PS. Als ich sie beim n’chsten mal sah, fragte ich sie: “You need a hug?” Nach kurzem Zoegern konnte ich auch sie herzen. Es spielte ihr auch keine Rolle mehr, dass ich ihr dabei auf den Fuss gestanden bin.

1 Kommentar 28.2.08 02:04, kommentieren

think it BIG in Canada

In Kanada (und in Nordamerika, generell, so liess ich mir sagen) herrschen andere Grössenmassstäbe als in der Alten Welt.

Obwohl das Mass von Imperial (Inches und Fahrenheit Degrees) in Kanada nun schon seit einiger Zeit auf das metrische System gewechselt hat, sind viele Geräte noch mit Fahrenheit bestückt. Das Fahrenheitsystem wäre ja ganz einfach umzurechnen: (man hat schliesslich einen Taschenrechner immer zu Hand, sonst kann mans im Kopf, bitte. Formel : ( xxx °C : 0,555 ) + 32 = °F Nun will der Schweizer ja schliesslich auch fern der Heimat was Rechtes essen, dazu sollte man den Backofen allerdings auf die richtige Temperatur einstellen. Leider rechnete ich in Celsius, was dazu führte, dass unsere Chicken Wings oder Pouletflügeli gerade mal lauwarm waren nach einer halben Stunde-bei 250 Grad Fahrenheit.Nach der Umrechnungstabelle sollten wir bei 500 Grad landen, was uns aber dann auch zu hoch dünkte (der interkulturelle Schock sitzt halt tief und das Misstrauen manchmal auch) und so wollten halt das Hühnchen auch nach weiteren 20 Minuten nicht so richtig gar werden.Fürs nächste Mal: Hühnchen bei 500 Grad Fahrenheit, das bringts. Aber vorsicht mit der Senfmarinade, die verbrennt gerne. Also doch lieber ein bisschen weniger. 450 Grad? 375 Grad? Oder ...?

Was die Grösse der Autos betrifft, so sind viele Kanadier nicht eben bescheiden. Von Autos zu sprechen ist nicht ganz richtig. Es fahren hier eigentlich fast ausschliesslich Trucks. Kleinwagen sind für die Lebensmüden reserviert. Wenn ein 94er Civic, Kleinwagen, auf die Kreuzung zurast, und nicht bremsen kann, so ist das nicht so schlimm. Der Dodge auf der anderen Seite hat so einen enormen Abstand vom Boden, dass der Honda glatt unten durch passt. Und der Spruch, ihr wisst schon, grosse Autos, kleine Fritzen, passt ja wohl auch nicht. Denn zum Einkaufen brauchen die Frauen ebenfalls: den Dodge. Allerdings haben wir hier das Problem, dass die Trucks auf dem Snow sliden, wenn zu wenig Gewicht. Also rasch ein paar Sandsäcke hintendrauf, und schon greift’s. Jetzt ist mir auch klar, wozu die Pickups-Ladefläche dient. Dabei würde man den Sand besser auf die Sidewalks (Gehsteig) streuen, aber da sieht man schon die Prioritäten gesetzt sind: man geht eigentlich nicht zu Fuss, wenn man schon einen Truck hat. Schliesslich sind die Ressourcen hier in scheinbar schier unerschöpflichem Mass vorhanden, der Sprit ist billig und weshalb sollte man da sparen? Für uns klimaerwärmten und benzinpreisgeschädigten Europäer nur schwer nachzuvollziehen. Es sind übrigens nicht alle so. Auch unser Psychologiedozent hat sich gefragt, ob die Affinität zu grossen Autos wirklich mit einem mikroskopisch kleinen Gemächt korreliert. Wir schlugen vor, es zu untersuchen, aber er stieg leider nicht darauf ein und meinte nur: "How are you guys gonna test this?" :P

Es gibt doch tatsächlich auch Busse hier. Nur fahren sie leider nicht so „conistent“, wie ein Anwohner meinte. Entweder sind sie zu früh, oder zu spät, oder wenn er gerade keine Fahrgäste hat so kürzt er einfach die Route ab. Nun haben wir den Bogen raus und gehen 4 Minutes early zur Busstation, dann klappts meistens. Dafür fährt er dann auch zackig bis zur Uni und es hat schöne Leinen wo man ziehen kann, damit er stoppt. Die Schrift, dass er stoppt, ist nur Arial 16 Punkt, da muss man schon genau hinschauen. Ist ja egal, weiss ja eh jeder was da steht, wenns nur leuchtet.

Die Grösse ist auch im Supermarkt rsp. Groceries Store ein Thema, oder im The Real Canadian Superstore, wie’s hier heisst. Wenn man den WAL MART mal aussen vor lassen will, denn dort ist das Sortiment so unübersichtlich, dass sich nicht mal die Verkäufer zurechtfinden. Wir machen uns einen Sport daraus, die kleinste Milchpackung zu finden. Nicht einen halben, nicht einen, nicht zwei Liter... vier Liter. Orangensaft dasselbe. Und weil das soviel Platz braucht im Kühlschrank, produziert man Joghurts, welche sich ungekühlt lagern lassen. Und überhaupt, man hat doch eben noch in Trapperhütten gelebt und nur einmal im Jahr eingekauft. Nun ist das allerdings vorbei. Die Läden haben beinahe unlimitierte Öffnungszeiten, geöffnet am Silvester wie auch am Neujahr, abends bis 8 Uhr oder manche sogar 24/7. Das Schöne daran ist, dass man auch an Tagen bei denen eigentlich nichts läuft sich in den langen Malls wunderbar vertun und unter die Leute mischen kann. Was einem als Austauschstudent manchmal auch ein gutes Gefühl gibt von Socializing. Vorallem wenn man hört, was die Classmates so getan haben über Weihnachten: "I was working at Christmas at WAL MART and it sucked!"

Beinahe unerschöpflich gross ist aber auch die Freundlichkeit der Kanadier. Ich brauchte eine schöne Angewöhnungszeit, bis mir klar war, dass die Frage nach „Howyoudoin“ nicht als Aufforderung gemeint ist, der Shopbesitzerin dein Lebensgeschichte in einem Seelenstriptease zu erzählen. Es handelt sich lediglich um eine Floskel wie „Hallo“ und bedarf auch keiner reflektierten Antwort. „Howareyou“ oder „Fine, thanks“ reicht vollkommen, oder „Not too bad“, um nicht schon innert Sekundenbruchteile als Ausländer aufzufallen. A propos Ausländer: schöne Erfahrung, wenn mans mal ist. Und schön, diese Erfahrung in einem traditionellen Einwanderungsland machen zu dürfen. An unserer Uni gibt’s über 60 Nationen. Ausländer werden als Bereicherung, als „Positive Diversity“ angeschaut. Wenn’s nur bei uns auch so wäre! Die Freundlichkeit geht über das Floskeldreschen hinaus. Man ist sofort mit Wildfremden (WER ist hier wohl fremd? =) in ein Gespräch verwickelt. Wie tiefgründig oder oberflächlich das ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls muss man schon ein wenig seiner gutschweizerischen Zurückhaltung ablegen, dann kann man’s hier gut haben. Gestern habe ich eine Ringertruppe von Chiliwack kennengelernt. Der Trainer der Truppe fand allerdings über die australischen Girls, „they want to be abused, so they cannot live with a Canadian buddy, ‘cause he’d be just too nice for ‘em, eh?” Die meisten hier sind sehr offen gegenüber Europäern, weil viele noch europäische Namen, oder gar (Gross)-Eltern aus Deutschland haben. Viele der Farmer um Kamloops sind Niederländer dritter Generation, und offenbar hört man immer noch „a thick accent“ heraus, wenn man unserem Host Glauben schenken will. Er musste da als CSI eine Investigation in einem Doppelmord machen.

1 Kommentar 20.1.08 01:35, kommentieren